Gemeinde Blankenheim

Seitenbereiche

Seiteninhalt

Denkort Opfer der Weltkriege

An diesem Ort gedenken wir in Baienfurt in Trauer der 343 Menschen, die an den Fronten des Ersten und Zweiten Weltkriegs eines gewaltsamen Todes starben, durch Kriegsfolgen oder in Kriegsgefangenenlagern durch Hunger und Krankheit umkamen. Insgesamt waren es 74 Männer im Ersten, 268 Männer und eine Frau im Zweiten Weltkrieg. Ihr Tod brachte großes Leid in viele Baienfurter Familien, vor allem über Frauen und Kinder. Er riss Lücken, die bis heute nachwirken. Auch wenn sie uns fehlten und fehlen: als Söhne, Tochter, Väter, Brüder, Schwester, Ehemänner, Großväter. Sie gehören zu uns, zu unserer Gemeinde, zu unserer Geschichte.

Ort der Besinnung

So sollte und soll dieser Ort für Angehörige, Kameraden, Zeitgenossen, aber vor allem auch für jüngere Generationen ein bleibender Ort des Gedenkens und der Besinnung über das Kämpfen und Sterben dieser Menschen sein.
Er soll uns Anlass geben zum Nachdenken, was wir daraus für die Gestaltung unserer Zukunft lernen können. 

Bereits im Ersten Weltkrieg wurden diese Männer mit einem überheblichen und militaristischen Nationalismus „für Kaiser und Vaterland“ in den Krieg geschickt. Seit 1933 propagierte die nationalsozialistische Ideologie, dass der Kampf untrennbar zum Wesen des menschlichen Lebens gehöre und dass andere „Rassen“ minderwertig seien. Mit diesem Gedankentum züchtete das diktatorische NS-Regime in seiner totalitären Erziehung vor allem in den jungen Menschen einen aggressiven rassistischen Nationalismus und ein Streben nach „Heldentum“, um sie zu Werkzeugen in einem verbrecherischen Angriffskrieg zu machen.

Ihr Patriotismus, ihre jugendliche Unerfahrenheit und Anfälligkeit für Anerkennung und ihre Treue auf Grund des Fahneneids wurden missbraucht.
Manche von ihnen kämpften aus Überzeugung, andere aus Pflichtgefühl, wieder andere unter Zwang – Kriegsdienstverweigerung, Desertation und Widerstand wurden nämlich mit dem Tode bedroht und bestraft. Im Kampf für das menschenverachtende NS-Regime haben sie nicht nur selber Leid erlitten, sondern auch weltweit unsägliches Leid über viele Millionen Menschen und ihre Familien gebracht.

Den sinnlosen Tod der Soldaten für seine verbrecherischen Ziele verklärte das Regime mit dem Begriff „Heldentod für Führer, Volk und Vaterland“.
Diese Formel sollte dem Tod einen Sinn geben und so die Angehörigen trösten, gleichzeitig aber auch den Krieg legitimieren.

Auch nach dem Krieg noch gebräuchliche Ausdrücke wie „Heldengedenken“, „Ehrenmal“ verherrlichten weiterhin den Krieg. Formulierungen wie „die Gefallenen“, „er ist auf dem Feld der Ehre geblieben“ oder „er fand den Tod“ beschönigen bis heute das Sterben im Krieg.

An diesem Denkort gedenken wir

auch der weltweiten Zivilopfer des Krieges, der Bombenopfer in den Städten und der Menschen aller Generationen, die auf der Flucht ihr Leben verloren oder nach dem Verlust der Heimat woanders um Aufnahme bitten mussten. Die Kenntnis ihres Schicksals sollte uns empfänglich machen für das Schicksal aller Menschen weltweit, die heute vor Krieg, Bürgerkrieg, Verfolgung und Klimakatastrophen fliehen.

An diesem Denkort gedenken wir – wie am Klangstein vor dem Rathaus – auch der Menschen, die vom NS-Regime wegen ihres Andersseins und Andersdenkens verfolgt, in Konzentrationslagern gequält und in Gaskammern ermordet wurden. Ihr Schicksal lässt uns mit allen Menschen mitfühlen, die heute auf der ganzen Welt von Diktatoren unterdrückt, verfolgt und getötet werden.   

Teil einer einzigen Menschheit

Das Leiden und Sterben all dieser Menschen in Krieg und Diktatur soll uns und nachfolgenden Generationen ins Bewusstsein rufen, dass wir Teil einer einzigen Menschheit sind, die sich in gleicher Weise nach Frieden und Freiheit sehnt.

Ihr Tod soll uns eine Mahnung sein, uns immer wieder für die Demokratie in unserem Land, für ein geeintes, den Nationalismus überwindendes Europa und eine friedliche, solidarische  Weltgemeinschaft einzusetzen, die Waffen abrüstet und Konflikte nicht mehr mit Waffen „löst“.

In der Sehnsucht nach Frieden soll uns die schon im Alten Testament beim Propheten Micha 4,1 formulierte Verheißung Mut machen: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Kein Volk wird gegen das andere das Schwert erheben, und sie werden fortan nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“

Geschichte des Gedenkens

Vom Kriegerdenkmal über das Gefallenen-Ehrenmal zum Denkort

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde im Jahr 1920 – dort, wo sich heute der zentrale Übergang zwischen altem und neuem Friedhofsteil befindet, ca. 30 Meter westlich von hier – ein künstlerisch gestaltetes Holzkreuz mit einer Holztafel aufgestellt, auf der die Namen von 72 umgekommenen und vermissten Soldaten aus Baienfurt verzeichnet waren.

Als die Schrift mit den Namen allmählich unleserlich wurde, schuf die Gemeinde auf Bitten des Veteranen- und Kriegervereins im Jahr 1931 gegen das Vergessen an gleicher Stelle ein neues, „dauerhaftes und würdiges Kriegerdenkmal“. Das bestand aus einem mächtigen Findlingsblock, auf dem eine Bronzetafel mit den Namen der Toten angebracht war.

In seiner Festpredigt zur Einweihung führte der Divisionsgeistliche Pater Frowin Wick aus Weingarten aus: „Vier Worte sind es, für welche die gefallenen Helden sich geopfert haben: Gott, Ehre, Freiheit und Vaterland“. Bürgermeister Lacher ermahnte die Jugend angesichts der Opfer der Soldaten zur gleichen Treue und Pflichterfüllung.

Um auch eine Gedenkstätte für die im Zweiten Weltkrieg umgekommenen Menschen zu schaffen, schrieb die Gemeinde im Rahmen der Friedhofserweiterung 1961 einen Wettbewerb für ein „Gefallenen-Ehrenmal“ aus. In der Diskussion der Jury über einen der sieben Entwürfe wurden Bedenken geäußert, die Toten anderer Völker in die Trauer und das Gedenken einzubeziehen. Das im Wortlaut der Inschrift hergestellte „gemeinsame Band, das hinaus über die Grenzen der Völker greift“, sei geeignet, „all zu viele Probleme und Zweifel über den Sinn des Soldatenseins im 2. Weltkrieg wachzurufen.“

Der Gemeinderat entschied sich für einen Entwurf von Bildhauer Professor Theilmann, der einen Sarkophag mit den vier Seitenansichten „Der Gefallene“, „Tod in Unfreiheit“, „Flucht“ und „Heimkehr“ ins Zentrum einer Anlage im neuen, östlichen Friedhofsteil stellte. Eingerahmt wurde diese Anlage durch 21 am Boden platzierte Gedenktafeln aus Muschelkalk mit den Namen der Toten aus den zwei Weltkriegen. Der 1931 aufgestellte Findlingsblock wurde in eine Grünanlage am Achufer im Baugebiet „Leggen“ verlegt. Am 18.11.1962, dem Volkstrauertag, wurde die neue Anlage als „Ehrenmal der Gemeinde Baienfurt“ eingeweiht. Etwa 2.000 Menschen nahmen daran teil. Der große Platz um das „Ehrenmal“ im Zentrum muss übervoll gewesen sein.

In ihren Reden zur Einweihung versuchten Bürgermeister Brenner und Staatssekretär Schwarz, dem Opfer der Soldaten einen Sinn zu geben.
Brenner äußerte, „jeder habe im guten Glauben für die Freiheit des Vaterlandes gekämpft“. Schwartz betonte, dass Tausende von Flüchtlingen „ihr Leben dem tapferen Ausharren der Soldaten zu verdanken hätten.“
Beide Redner artikulierten aber auch die Sehnsucht nach Frieden und die Notwendigkeit von Versöhnung.

Als die steinernen Gedenktafeln mit den Namen der Toten allmählich verwitterten, beschloss der Gemeinderat im Jahr 2003, die Namen auf einer Plexiglastafel an der überdachten Innenseite des Friedhofsgebäudes vor dem Vergessen zu bewahren. Nach der Installation des Klangsteins für die Baienfurter NS-Opfer auf dem Marktplatz im November 2017 wurde aus der Bürgerschaft angeregt, auch den umgekommenen Soldaten der Gemeinde durch die Sanierung der Gedenktafeln und die Erneuerung der Namensgravur ein gebührendes Gedenken auf Dauer zu sichern.


Diesen Gedanken griff der Gemeinderat auf und beschloss 2019 neben der Sanierung der Gedenktafeln und des Sarkophags auch eine geringfügige Umgestaltung der gesamten Gedenkanlage, die Aufstellung einer Stele mit Texten zur Information und Kommentierung und eine Umbenennung der Anlage in „Denkort Opfer der Weltkriege“. Durch die Auseinandersetzung mit den Neuerungen und den Texten soll der Denkort mit einer zukunftsfähigen Aussage wieder stärker in das Bewusstsein der Baienfurter Ortsgemeinschaft gerückt werden. Die Feier zur Präsentation des Denkorts „Opfer der Weltkriege“ erfolgte am 15. November 2020, wiederum am Volkstrauertag – 100 Jahre nach Errichtung des ersten Kriegerdenkmals in Baienfurt.

Die Wirkung des Kunstwerks

Bei der Umgestaltung des Denkortes wurden zwei weitere Reihen der Bodenplatten aus demselben Stein in Richtung des Sarkophags ergänzt.
Das soll dazu einladen, den Reliefs zur Betrachtung noch näher zu treten.
Erst dann erkennt man die Details und die Qualität der einzelnen Bilder in vollem Umfang, die in der ausdrucksstarken figürlichen Darstellung des menschlichen Leids besteht. Durch dieverringerte Distanz blickt man bei dem Relief „Der Gefallene“ noch direkter in die leidenden Gesichter derer, die nicht mehr so sehr in ihrer offiziellen Funktion als Soldaten in glänzender Uniform, sondern als individuelle Menschen in abgenutzter Einheitskleidung ihren toten Kameraden betrauern. Sie werden in ihrem universellen Menschsein gezeigt.

Die Darstellung der Trauer als menschliches Grunderlebnis bezieht auch die Trauer um die Kriegstoten anderer Völker ein und berührt den Betrachter mit seinen eigenen Trauererfahrungen.  
Er fragt sich: Was haben die Augen gesehen, die Hände gemacht, wohin sind die Füße gegangen und wohin werden sie gehen? Werden die Köpfe das Erlebte in Erinnerung behalten oder vergessen wollen?

Der Gestalter der Reliefs – der Karlsruher Bildhauer Fritz Theilmann – war selbst sieben Jahre im Krieg, ab 1942 an der Ostfront und vier Jahre, von 1945 bis 1949, in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. So erkärt sich die Ausdrucksstärke der Figuren, die dieKriegserlebnisse veranschaulichen und an aktuelle Bilder in den Medien erinnern: Eine Mutter, die ihr Kind hinter sich herzieht, um aus der brennenden Stadt zu entkommen. Ein weiteres Kind hält sie – kaum erkennbar – als Bündel im anderen Arm. Lager, in denen Hunger, Ausgeliefertsein und Hoffnungslosigkeit kein Ende erkennen lassen.
Das ist eine erschreckend zeitlose und aktuelle Darstellung von Menschen in unmenschlichen Situationen.

Kriegsgräber für nach dem Krieg verstorbene Soldaten

Etwa 50 Meter westlich von hier finden Sie im alten Friedhofsteil ein kleines Gräberfeld mit acht kleinen Steinkreuzen, die in zwei Reihen angeordnet sind und jeweils zwei Namen tragen. Hier wurden sechzehn Soldaten – darunter zwei aus Tschechien und einer aus Ungarn – beerdigt, die in den Jahren 1947 und 1948 an Kriegsfolgen gestorben waren – sieben im damaligen Hilfskrankenhaus im Waldbad und neun im Versorgungskrankenhaus „Welfenhöhe“ in Weingarten. In Weingarten hatte man 1948 vor der Friedhofserweiterung keinen Platz mehr auf dem Friedhof, nachdem bereits 210 deutsche Soldaten und 231 alliierte Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene dort beerdigt worden waren. Im Gegensatz zu den Baienfurter Soldaten, derer man am Denkort gedenkt, sind diese Soldaten tatsächlich in Baienfurt beerdigt worden.

Zu diesen Gräbern gehörte ursprünglich auch das Grab des im Ortsarrest erschossenen italienischen Militärinternierten und Zwangsarbeiters Michele Pisani, der bereits im Mai 1944 auf dem Baienfurter Friedhof beerdigt worden war. Er wurde 1958 auf den italienischen Soldatenfriedhof in München verlegt.
Die Pflege der verbliebenen 16 Kriegsgräber wird der Gemeinde Baienfurt bis heute im Rahmen des „Gräbergesetzes“ vom Land Baden-Württemberg mit Mitteln des Bundes jährlich vergütet. Mit diesem „Gesetz über die Erhaltung der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ übernimmt die Bundesrepublik Deutschland Verantwortung dafür, dass die Erinnerung an
die Folgen von Krieg und Gewaltherrschaft für zukünftige Generationen aufrechterhalten wird.

Weitere Informationen